Von den Nachteilen des Zusammengeschlagen- und Ausgeraubtwerdens

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Die meisten Dinge haben zwei Seiten. Ich zum Beispiel: Bin ich Mittelfranke oder Niedersachse? Ich weiß es nicht. Vielleicht Niederfranke. Mittelsachse jedenfalls nicht. Ich hab ja ein bisschen Angst vor diesen Ressentiments, wie in Berlin, wo sich alle über die Schwaben mokieren, weil die Läden aufmachen und Cafés und Galerien, statt nur im Volkspark rumzuhängen. Obwohl, das muss ja auch jemand machen. Sonst wär da auch nix los. Und ich mach auch manchmal einen schlechten Eindruck, so auf dem Nachhauseweg von den Nachtbarden, wenn die Sonne aufgeht. Außerdem müssen Sie sich gar keine Sorgen machen um meinen Migrationshintergrund, zumindest hab ich nicht vor, meine Familie nachzuziehen. Die würde mir was husten. Meine Mutter ist 80. Eine Familie kann ich hier schon selber gründen. Mach ich ja nicht zum ersten Mal.

Wie auch immer, auf jeden Fall bin ich Europäer, soviel ist klar. Damit macht man nichts falsch. Europa ist vielseitig, hier gibt es Strände und Berge und viele verschiedene Sprachen. Auch der Eiffelturm ist schön, wenngleich überlaufen. Aber das macht nichts, Europa ist ja groß, und es gibt ja auch ruhigere Ecken. Hannover zum Beispiel.

Bei allen Unterschieden ist den Europäern eins gemeinsam, das ist eine zurückhaltende Skepsis gegenüber den Vereinigten Staaten vonAmerika. Ich will mich da nicht von ausnehmen, und das nicht erst seit ich das einzige Mal, als ich mich für ein paar Stunden für eine Zwischenlandung auf US-amerikanischem Boden befand. In der Transitzone des Miami International Airport wurde ich von humorlosen Vertretern der Einwanderungsbehörde in einen Raum geführt, wo man mir Fragen stellte wie: Waren Sie schon einmal im Nahen Osten? Welche Sprachen sprechen Sie? Was wollen Sie in den USA?

Nein, ich war noch nicht im Nahen Osten, log ich. Meine Arabischkenntnisse aus einem Nebenfachstudium an der Uni verschwieg ich ebenso. Nur beim Grund für meinen Besuch war ich ehrlich: Ich wollte NICHTS in den USA. Ich wollte einfach nur den Anschlussflug nach San José nehmen und so schnell wie möglich hier wieder weg. Was ein bisschen auf der Kippe stand, wenn die Befragung noch länger dauerte. Irgendwann ließen sie mich gehen, ich war der letzte im Flugzeug, so dass wir mit einer halben Stunde Verspätung endlich starten konnten. Die Costa-Ricaner kannten das wohl schon und waren verständnisvoll: Hier wollte man niemanden zurücklassen.

Wahrscheinlich haben die Mitarbeiter der Einwanderungsbehörde einen Blick für Amerika-Skeptiker. Ein solcher war ich wie gesagt schon vorher gewesen, und das lag unter anderem daran, was ich über die Entwicklung amerikanischer Innenstädte gelesen hatte. In vielen Teilen Europas ist es ja üblich, Innenstädte mit einem funktionierenden Nahverkehrssystem auszustatten, außerdem gibt es dort oft Geschäfte und Bars und Restaurants. Es ist Leben und Bewegung in der Strömung aus Pflaster und Neon. Dafür baut man in der Umgebung der Städte Gettos für die Armen, die Einwanderer und die Alten.

In Amerika wird dagegen das Innere der Stadt nach außen gestülpt: Um die Städte herum sind ringförmige Highways mit megalomanischen Malls, in denen es alles gibt, aber nichts echt ist. Dafür fühlt man sich sicher, die Umgebung ist klimatisiert und der Parkplatz garantiert. Dafür überlässt man die Innenstädte sich selbst respektive Straßengangs, Liquor Shops und dem Verfall. Was auch nicht das Schlechteste ist, immerhin hat es harte East Coast Rapper-Bands wie Public Enemy, A Tribe Called Quest und Wu Tang Clan hervorgebracht. Wer weiß, ob das in einem Mühlenberger Canarisweg oder am Osterfelddamm im Roderbruch genauso funktioniert hätte. Auch wenn hier natürlich auch gerne mal eine brennende Mülltonne für amerikanisches Flair sorgt.

In Europa ist das etwas völlig Anderes: Die Großmärkte, Einkaufszentren und Filialketten, mit denen der lokale Einzelhandel plattgemacht wird, entstehen hier direkt in den Innenstädten. So zum Beispiel die Ernst-August-Galerie am Hauptbahnhof in Hannover, benannt nach einem Prügelprinzen und errichtet in einem entkernten Gebäude, in dem man früher einmal die Post gefunden hat. Heute findet man hier auch die Post, aber man muss sie schon auch finden wollen. Mir war das gelungen, auch wenn ich Hinweise aus dem Internet und eine nähere Ortsbeschreibung durch eine vor Ort befindliche Auskunftsgeberin zu Rate ziehen musste.

 

„Support your local shop“, das stand auf einem Aufkleber auf der kunstledernen Studienreferendars-Tasche, in der ich einen großen Brief trug, der aussah wie ein kleines Päckchen, ein Maxibrief, mit DVDs aus einer Fernleihe der Traumathek in Köln. Ergibt das Sinn, fragen sie sich sicher nun zu Recht, sich DVDs aus Köln schicken zu lassen? Nun, vor Ort ist die Traumathek auch ein lokales Geschäft, und genaugenommen war der Aufkleber sogar von dort. Zum anderen gibt es in Hannover leider keine Videothek, die ihre Filme nach Regisseuren ordnet und die eine so beeindruckende Auswahl an B-Movies hat.

Zur Rücksendung fehlte mir eine 2,60-Euro-Briefmarke, und die wollte ich hier erwerben, wenn ich auch sonst nichts von diesem Ernst August und seiner Galerie wollte. Die Wartezeit näherte sich dabei langsam meinem Ausflug nach Miami an, aber noch hatte ich Zeit: Die Filiale schließt Samstag erst um 15 Uhr, also gerade mal fünf Stunden vor Schließung des Einkaufszentrums, und bis dahin war noch reichlich Zeit. Dachte ich mir. Wenn mir der bürokratische Diensteifer eines Mitarbeiters der Deutschen Post, der gerade den jungen Mann vor mir über die Mindestvoraussetzungen aufklärte, die man mitbringen musste, wenn man ein Paket abholen wollte, keinen Strich durch meine Milchmädchenrechnung machte.

„Sie benötigen einen Ausweis, auf dem ihre Adresse eingetragen ist. Ein Reisepass ist in dieser Beziehung kein gleichwertiges Dokument zu einem Personalausweis. Ich kann Ihnen ihr Paket nicht aushändigen!“

„Jetzt haben Sie schon ‚Ihr Paket’ gesagt! Natürlich ist das mein Paket! Ich habe ja sogar den Abholschein hier! Und meinen Reisepass! Personalausweis und Fühererschein sind mir leider abhanden gekommen, weil ich brutal zusammengeschlagen und ausgeraubt wurde, wie ich Ihnen bereits gesagt habe! Und wie Sie sich bei meiner aufgeplatzten Lippe und den Hämatomen in meinem Gesicht eigentlich denken könnten!“

„Tut mir leid, ich sehe nur, dass ich nicht sagen kann, ob das tatsächlich Sie sind auf dem Foto in ihrem Ausweis. Die Vorschriften sind hier eindeutig: Auf dem Foto müssen Sie eindeutig zu identifizieren sein.“

„Jetzt haben Sie selber ‚Ausweis’ gesagt: Ich weise mich aus, hier, mit meinem Reisepass! Mit dem kann ich sogar nach Amerika einreisen, warum kann ich damit denn kein blödes Postpaket abholen? Ich kann ihnen sogar sagen, was da drinnen ist!“

„Der Inhalt der Sendung ist nicht relevant. Wichtig ist nur, dass Sie auf dem Ausweisdokument eindeutig zu erkennen sind!“

„Entschuldigung, dass ich zusammengeschlagen worden bin. Ich werde nächstes Mal darauf achten, dass ich VORHER alle Angelegenheiten mit der Post erledigt habe, wenn ich das wieder einmal vorhabe! Soll ich jetzt warten, bis die Schwellungen abgeklungen sind? Oder mir in meinem Zustand schnell neue Passbilder machen für einen schönen neuen Ausweis? Abgesehen davon, dass das auch nicht so schnell geht!“

„Sie sollten es schon innerhalb von 7 Tagen schaffen! Danach schicken wir das Paket nämlich wieder an den Absender zurück!“

„Was? Und wenn da jetzt Frischfleisch drin wäre? Oder lebenswichtige Organe? Oder Schrödingers Katze?“

„Wie gesagt, für die Anwendung der Vorschriften hat der Inhalt des Paketes keinen Belang!“

Langsam machte ich mir Sorgen um den rechtzeitigen Erwerb meiner Briefmarke, und auch hinter mir hatte die Schlange durchaus inzwischen eine Länge erreicht, die jede Anaconda vor Neid erblassen ließe, nur dass sie nicht so still war wie eine solche, wenn sie im Urwald von Amazon an einen herangleitet, um einen zu verschlingen. Die Anaconda hinter mir murmelte und schimpfte. Wahlweise war zu hören, dass sich der Mann vor mir mal verkrümeln sollte, oder dass der Postangestellte endlich das Paket herausrücken sollte. Einigen bangte es bereits vor den immer schneller herannahenden Schließungszeiten der Filiale.

„Entschuldigung“, mischte ich mich schließlich ein: „Auf dem Abholschein da, da ist doch auch eine Vollmacht drauf! Sie können doch jemanden eintragen, der das Paket abholt. Dann muss nur der Bevollmächtigte seinen Ausweis vorzeigen.“

„Soll ich jetzt nochmal nach Hause fahren und meinen Mitbewohner holen? Ich weiß gar nicht, ob der da ist. Und bis dahin ist hier eh zu!“

„Ich habe eine bessere Idee“, sagte ich und zückte meinen jüngst frisch verlängerten Personalausweis: „Tragen Sie doch einfach mich ein!“

Eine Sekunde war es in der Schlange so still, dass sie als Anaconda durchgehen könnte, die gerade einen Postboten vertilgt hat. Der Paketabholer linste einmal zu dem Schalterangestellten, der sich nicht die Blöße gab zu zeigen, was er von dem Vorschlag hielt, dem aber offenbar zu dem Vorgehen keine Einwände einfielen. Das Ganze war zwar völlig absurd: Der Empfänger der Sendung bekam sein Paket nicht ausgehändigt, aber ein Bevollmächtigter konnte es in Empfang nehmen, ohne dass irgendwer die Unterschrift überprüfte. Aber so war es nun mal: Den Vorschriften musste Genüge geleistet werden, unabhängig von deren vollständiger Sinnlosigkeit, dann waren alle zufrieden und der langsame Puls der urbanen Geschehnisse, exemplifiziert an der Schlange in der Postfiliale der Ernst-Ausgust-Galerie, konnte wieder gemächlich weiterschlagen.

So kam Twoface schließlich doch zu seinem Paket, ich zu meiner Briefmarke und die geliehenen DVDs zurück auf den Weg nach Köln. Einer der drei Filme, die ich portooptimiert ausgeliehen hatte, war Themroc, ein anarchistischer, französischer Skandalfilm, in dem sich die Menschen in Paris gegen Staat und Kapital wehren, in dem sie ihre Türen zumauern und die Fenster aus den Mauern brechen, um fortan nur noch zu grunzen und zu brüllen und in ihren Ruinen wie Höhlenmenschen zu leben. Heute war wieder so ein Tag, an dem ich mich mit diesem Gedanken so richtig anfreunden konnte!

 

 

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Niemand wird verhungern in diesem Land

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01.06.2006: Berlin. Der Arbeitspolitische Sprecher der SPD-Bundestagsfraktion, Klaus Brandner, sagt anlässlich der Verschärfung der Hartz-IV-Gesetze im Deutschen Bundestag: Niemand wird verhungern in diesem Land.

18.04.2007: Speyer. Die Behörden weisen alle Schuld von sich, nachdem ein arbeitsloser 20-Jähriger in seiner Wohnung verhungert ist. Die Mutter des Toten klagt, dass sie kein Geld gehabt hätten, um Lebensmittel zu kaufen. Der Mann hatte keinen Anspruch mehr auf Zahlungen.

 23.05.2008: Berlin. Bundespräsident Horst Köhler zeichnet Klaus Brandner aus. Der SPD-Bundestagsabgeordnete aus Verl erhält von Köhler das Bundesverdienstkreuz. Brandner bekommt das Verdienstkreuz am kommenden Mittwoch im Reichstag in Berlin.

 

Bräsig sich die Wampe wiegend

Noch das Kalbsbries im Gedärme

Fällt beim gellen Sitzungslärme

 

Sozi-Aal-Experte Brandner

Zornesrot wie die Partei

Des kleinen Mannes einem andern

Kleinen Mann

Am Rednerpult ins Wort

 

Als dieser zynisch formuliert

Das Streichen bei den Armen sei

Doch selbst ein Armutszeugnis

Der Partei

 

Dabei

Weiß doch ein jedes Kind

Dass arme Leute nur zu faul

Zum Geldverdienen sind

Man muss zu ihrem Glück sie zwingen

Ihr werdet seh’n, es wird gelingen

 

Und niemand wird verhungern in diesem Land!

 

In diesem Land

Das aus den Runen auferstand

Aus welchen noch der Spruch entstammt

Dass, wer nicht arbeitet

Nicht essen soll

 

Doch heute wissen wir, er lag

Prognostisch knapp daneben

So ist das Leben eben

Und verlegen blickt er

Auf den Pizzaboten

Und denkt an den ersten Toten

Seiner Politik der Häme

Und ich schäme

Mich für diesen Mann

Der weitermacht

Als hätt’ er keinen umgebracht

 

Ist in einem reichen Land

Wie diesem unseren

Denn ein Hungertod

Kein Mord?

 

Welch böses Wort!

Wo doch ein jeder nur

Nach seinem eign’nen Glück

Sich bückt

Und nur die Groben

Liegen immer oben

 

Doch das Eisenkreuz am Bande

Das die Bande

Ihrem Helden der Nation

Zur Schande

Und zum Lohn vermacht

Dafür, dass er den Hungertod

Zu uns gebracht

 

Es zeugt davon

Dass Schuld nicht mehr wiegt

Als Vergessen

Was gibt’s bei Brandners

Wohl heute zu Essen?

Die Männer der Piraterie

piraterie

Einst hatten wir eine Flaute
Im Atlantik nach heftigem Sturm
Die Fregatte war eine geklaute
Und im Achterdeck wühlte der Wurm
Ja, im Achterdeck wühlte der Wurm

Die Leichen von uns’ren Gefechten
Die trieben und trieben nicht ab
Die Männer im Schiffsbauch, sie zechten
Und im Unterleib drückte der Knab
Ja, im Unterleib drückte der Knab

Es kamen die englischen Horden
Und schlugen über die Schnur
Ja, Mary und Anne mussten morden
Und Jack Rackham versteckte sich nur
Ja, Jack Rackham versteckte sich nur

Den ersten, der rauskam, erschoss sie
Anne Bonnie war sauer, und ob!
Und Jack? Seinen Abgang genoss sie
Der Henker macht auch nur nen Job
Ja, der Henker macht auch nur nen Job

Jack Rackham half nur noch ein Wunder
Das kam nicht. Stattdessen der Strick
Für Mary und Anne lief es runder
Von Jack war der Bauch ihnen dick
Ja, von Jack war der Bauch ihnen dick

„Hättste gekämpft wie ein Mann –
Dann hingste jetzt nicht wie ein Hund“
Sagte Anne, und dann ging sie von dann’n
Ihr Bauch war prächtig und rund
Ja, ihr Bauch war prächtig und rund

Anne Bonnie entwischte dem Schinder
Mary Read starb vorher im Bett
Anne Bonnie bekam noch acht Kinder
Man sagt sich, sie hatten es nett
Ja, man sagt sich, sie hatten es nett

Ich weine nicht eine Träne
Um die Männer der Piraterie
Auf dem Wasser da kapern sie Kähne
Doch die Frauen kapieren sie nie
Ja, die Frauen kapieren sie nie!

Einst hatten wir eine Flaute
Im Atlantik nach heftigem Sturm
Die Fokker war eine geklaute
Und im Fahrwerk wühlte der Wurm
Ja, im Fahrwerk wühlte der Wurm

Pirat der Karibik ist heute
Nicht einfach. Der Markt, der ist tot
So wie die Piraten. Ach, Leute
Dann werde ich eben Pilot
Ja, dann werde ich eben Pilot

Pilot der Karibik! Von Kingston
Flög ich nach Port-au-Prince
An Weihnachten, Ostern und Pfingsten
Da wäre besonders viel los
Ja, da wäre besonders viel los

Und kämen die englischen Horden
Versteckte ich mich sicher nie
Ich tränke mit ihnen bis morgen
Und zwänge sie in die Knie
Ja, ich zwänge sie in die Knie

Dann träfe ich eine Piratin
Und diese verliebte sich sehr
In mich. Ich raubte ihr Platin
Und Gold und Silber noch mehr
Ja, Gold und Silber noch mehr

Man hängte mich wie Jack Rackham
Und die Männer der Piraterie
Und niemand würde je checken
Das alles tat ich nur für sie
Ja, das alles tat ich nur für sie

Die Stadt, die es nicht gibt

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Es gibt so Tage, an denen finde ich unheimlich witzig, was Menschen so alles witzig finden. Zum Beispiel gibt es immer noch diese gereiften Humorfreunde, die erzählen, dass es die Stadt Bielefeld gar nicht gäbe. In den 90ern war das witzig, weil es die mit der Verbreitung des Internet einhergehende, rasante Ausbreitung von Verschwörungstheorien aufs Korn nahm. Heute war jeder, den ich kenne, schon mal in Bielefeld, und alles, was sie zu berichten wissen, ist dass da nichts los ist. Wo nichts los ist, könnte man jetzt entgegnen, ist auch nichts, aber dann gäbe es ja auch kein Uelzen und kein Apolda und kein Lehrte und kein Wassertrüdingen am Hesselberg.

Nein, Bielefeld existiert. Wer etwas anderes behauptet, ist einer Verschwörung auf den Leim gegangen. Aber da den meisten Verschwörungstheorien auch ein Quäntchen Wahrheit innewohnt, gibt es tatsächlich eine Stadt, die es nicht gibt. Allerdings liegt diese etwa hundert Kilometer weiter östlich und heißt Hannover.

Als ich vor mittlerweile über 20 Jahren nach Hannover kam, weil es nicht so groß war wie Köln und dafür kleiner als Berlin und doch irgendwo dazwischen lag, sah das noch ganz anders aus: Ich war nach Hannover gezogen, weil mir Würzburg zu klein geworden war. In Würzburg gab es damals ein größeres Jugend- und Kulturzentrum, namentlich das AKW. In Hannover lernte ich in der ersten Woche drei Einrichtungen dieses Formats kennen, die Glocksee, das FAUST und das Bei Chéz Heinz. Hannover war eine richtige Stadt. Mit Kiosken, Kneipen, Häusern mit hohen Decken, Fahrradwegen und einer U-Bahn und einer Universität mit bunt bemalten Treppenhauswänden und studentischer Selbstverwaltung. Ich trieb mich in der Nordstadt herum, weniger in der Oststadt und kaum in der Südstadt, aber die meiste Zeit war ich in dem Stadtteil, dessen Himmelsrichtung es nicht zu einer Stadtteilbezeichnung geschafft hatte: In Linden. Zwischen Linden und der Nordstadt gab es die Herrenhäuser Gärten, und ab und zu schnupperte ich die frische Luft der grünen Lunge namens Eilenriede. Das war’s: Zehn Jahre lang wäre mir auf die Frage nach Hannoverschen Stadtteilen neben den vier genannten höchstens noch „Mitte“ eingefallen. War man mal in Ricklingen oder Limmer, war man sich schon nicht so sicher, ob das hier noch Hannover war oder schon ein eigenes Dorf für sich, und Begriffe wie Anderten, Lahe oder Empelde kannte man nur von den Endhaltestellen der Stadtbahnen.

Fun Fact zu Empelde: Wussten Sie, dass Empelde gar nicht zu Hannover gehört, sondern zu Ronnenberg? Ich wusste das damals nicht, ebenso wenig wie ich wusste, dass Ahlem noch zu Hannover gehört, aber Letter zu Seelze. Wenn ich von Hannover nach Ahlten mit der S-Bahn fahre, bin ich ständig versucht, schon in Anderten auszusteigen, weil vorher so viel Grün kommt, dass man einfach nicht glauben kann, immer noch in der Stadt zu sein. Dieser ganze Übergangsbereich zwischen Stadt und Land, diese Grünflächen in der Stadt und Grauflächen im Landkreis, die Stadtbahn, die auf die Dörfer fährt, und die Dörfer, die in die Stadt eingemeindet sind, haben schließlich dazu geführt, dass die Stadt Hannover aufgehört hat zu existieren, ebenso wie der Landkreis Hannover. Es gibt nur noch ein Hannover: Die Region Hannover!

Ich fahre mit der S-Bahn von Holtensen-Linderte nach Hannover, halbstündlich! Da soll noch einer über den ländlichen Raum lästern! Ich fahre von Hannover mit der S-Bahn ab. Egal in welche Richtung, der Takt ist halbstündlich! Stadt und Land ist hier eine Soße, oder vielmehr: Ein Hauptgericht mit Beilagen, die man so lange miteinander verrührt hat, bis man endlich bereit ist, die ganze Leckerei in sich hineinzustellen.

Das klingt alles ganz schlüssig, denken Sie sich, aber was will der Typ mit Holtensen-Linderte? Was soll das überhaupt sein, der Name einer Familienministerin? Oder eine Sprachübung für Bühnenliteraten? Hol-ten-sen-Lin-der-te-Hol-ten-sen-Lin-der-te … Oder vielleicht so ein Wort, das man sagt, wenn jemand ein Gruppenbild macht: Jetzt alle mal: Holtensen-Linderteeee! Ist bestimmt auch gut für den Hals! Nun, ich bin eben vor einigen Jahren mit meiner in Hannover gegründeten Familie aus dem Stadtbezirk Linden-Limmer in die Gemeinde Wennigsen gezogen. Was Holtensen mit Limmer gemein hat, ist dass da nicht viel los ist. Was natürlich auch für Bielefeld gilt. Eine weitere Gemeinsamkeit ist die Anbindung nach Hannover: Von Bielefeld fährt stündlich ein ICE hier her, von Holtensen halbstündlich eine S-Bahn und von Limmer viertelstündlich die Stadtbahnlinie 10. Manchmal sogar öfter.

Einen Unterschied gibt es aber doch, und den sehe ich, wenn ich in unseren Garten gehe. Wir waren damals auf’s Land gezogen, weil es in der Stadt kein Haus mit Garten für uns gab. Selbst die Häuser ohne Garten oder auch nur die Wohnungen ohne Haus waren für uns nicht wirklich bezahlbar. Ein Garten ohne Haus, das wäre noch gegangen, aber dafür gab’s auf dem Halt halt noch ein Haus mit dazu. Wenn wir in unserem neuen Häuschen die Tür aufgemacht haben, konnten die Kinder in den Garten und spielen, ohne sich auszusperren oder von Autos überfahren zu werden oder kontaminierten Sand zu essen. Und für Papa gab es ebenfalls Entfaltungsmöglichkeiten: Ich sag nur: Tomaten! Wenn Stadt und Land in der Region Hannover eine Soße ist, dann ist es in meinem Garten eine Tomatensoße. An jeder Ecke habe ich Pflanzen eingesetzt, die durch den natürlichen Wechsel von Sonne und Regen gedeihen sollen, ohne viel Zutun, nur mit ein bisschen Hochbinden und Ausgeizen hier und da und am Ende natürlich die Ernte. So die Theorie. In der Praxis zeigte sich, dass es ruhig ein bisschen mehr Sonne und ein bisschen weniger Regen sein könnte. Oder auch viel weniger Regen. Damit alles grün bleibt, reichen 400 Millimeter Niederschlag im Jahr aus. Dieses Jahr sind schon 1000 voll. Und während meine Tomaten in Holtensen absaufen und kaum etwas zu sehen bekommen, was sie zum Erröten bringen könnte, wachsen und gedeihen sie im urbanen Garten am Ihmezentrum auf eine Art und Weise, die man nur als Rot-Rot-Grün bezeichnen kann. Das ist Linden! Das ist Hannover! Während bei mir zu Hause die schwarz-grüne Tomatenfäule grassiert.

Apropos Schwarz-Grün: Kennen Sie Campact? Das ist eine Organisation, die mit Facebook und Email Online-Petitionen und andere Internet-Kampagnen durchführt und damit immerhin auch ein Stückweit politische Bildung für die netzaffine Jugend und Nicht-mehr-ganz-so-sehr-Jugend schafft. Im Vorfeld der Bundestagswahl habe ich an einer Campact-Umfrage teilgenommen, in der es um die Einschätzung ging, welche Erwartungen man als Gelegenheits-Netzaktivist im Emailverteiler von Campact an eine neue Bundesregierung stellen würde. Dann wurden vier wahrscheinliche Koalitionsszenarien aufgestellt, die man hinsichtlich ihrer Möglichkeiten für progressive Politik in eine bestimmte Reihenfolge bringen sollte: Schwarz-Gelb, Schwarz-Grün, Schwarz-Rot und ta-taa: Schwarz-Rot-Grün. Im Ernst jetzt! Als ob es keine Farbkombinationen ohne Schwarz mehr gäbe. Als ob die Wahl bereits gelaufen wäre und die Siegerin feststünde. Alternativlos an der Macht. Witzig, dass sie danach noch fragten, wer wohl die Regierung anführen wird: Merkel oder Schulz. Jetzt mal ehrlich, das ist doch wirklich witzig. Ich seh schon das Ergebnis der Umfrage: Die Deutschen wollen Merkel. Und die Deutschen wollen eine große Koalition. Schade, dass man bei so einer Internet-Umfrage den Wahlzettel nicht vollkritzeln kann. Mit Alternativen: Wenn schon große Koalition, dann richtig groß: Linke, Grüne, Piraten, die Partei „die Partei“ UND die Schulz-SPD als Junior-Partner. Oder richtig links: Die Linke, die MLPD, die Sozialistische Gleichheitspartei, die DKP und das ökoanarchistisch-realdadaistische Sammelbecken B*. Oder was Exotisches mit der veganen V-hoch-3-Partei, der feministischen Partei Die Frauen, der Tierschutzpartei, dem Bündnis Grundeinkommen, der Rentnerpartei „Die Grauen“ und der „Menschlichen Welt“ – für das Wohl und Glücklichsein aller! An der Bundestagswahl am 24. September 2017 nehmen 42 Parteien teil. ZWEIUNDVIERZIG! Also wählt doch mal mit ein bisschen mehr Inspiration! Wenn alle gleich viele Stimmen bekommen, scheitern sämtliche Parteien an der 5%-Hürde. Das wär doch mal wirklich witzig: Wir wählen den Bundestag, der keiner ist. Schöner Scheitern auf dem Weg zur Selbstbestimmung des Einzelnen. Es gibt immer eine Alternative zur Alternativlosigkeit: 41 davon stehen zur Wahl. Und wenn man davon die Rechten ausschließt, findet man doch mindestens zwei oder drei, von denen man eine ankreuzen kann. Eine davon heißt Magdeburger Gartenpartei. Ich gönn euch 2-3%. Wie allen anderen. Gehen wir wählen! Per Briefwahl im Garten. Zur Not mit dem Spaten. Auf 42 Arten. Und in vier Jahren – ich versprech’s – gibt’s die Partei der Tomaten!

Arbeitsbezeichnungen der Köpi

​Auf Druck der Presse veröffentlichte die Kölner Polizei (Köpi) jetzt doch die aktuelle Liste der internen Arbeitsbezeichnungen für verschiedene Randgruppen. Ich entschuldige mich vorweg, sehe mich aber ein Stückweit in meiner Aufklärungspflicht als „Satiri“ verhaftet. Bitte setzen Sie sich, ehe Sie weiterlesen, vielleicht finden Sie ihre eigene Randgruppe auch in der Liste.

Nordafrikaner = Nafris
Süddeutsche = Bazis
Ostasiaten = Schlitzis
Südostasiaten = Fidschis
Osteuropäer = Polacken
Homosexuelle = Pobacken
Südosteuropäer = Kanacken
Deutsche = Bürger
Rechte = Besorgte_Bürger
Polizisten = Ohüs
Ostwestfalen = Owis
Linke = Gysis
Linke Frauen = Sahras
Süd-Nordafrikaner = Saharis
Doppelagentinnen = Mataharis
Nord-Südafrikaner = Kalaharis
Südeuropäer = Calamaris
Schwarzafrikaner = Neger
Feministinnen = Alice
Außerirdische = Allies
Obdachlose = Alkis
Grüne = Hulkis
Steuerhinterzieher = Bobbeles
Behinderte = Spastis
Vorbestrafte = Knastis
Düsseldorfer = Assis
Literaten = Satiris
Alle Anderen = Opfer