Die Stadt, die es nicht gibt

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Es gibt so Tage, an denen finde ich unheimlich witzig, was Menschen so alles witzig finden. Zum Beispiel gibt es immer noch diese gereiften Humorfreunde, die erzählen, dass es die Stadt Bielefeld gar nicht gäbe. In den 90ern war das witzig, weil es die mit der Verbreitung des Internet einhergehende, rasante Ausbreitung von Verschwörungstheorien aufs Korn nahm. Heute war jeder, den ich kenne, schon mal in Bielefeld, und alles, was sie zu berichten wissen, ist dass da nichts los ist. Wo nichts los ist, könnte man jetzt entgegnen, ist auch nichts, aber dann gäbe es ja auch kein Uelzen und kein Apolda und kein Lehrte und kein Wassertrüdingen am Hesselberg.

Nein, Bielefeld existiert. Wer etwas anderes behauptet, ist einer Verschwörung auf den Leim gegangen. Aber da den meisten Verschwörungstheorien auch ein Quäntchen Wahrheit innewohnt, gibt es tatsächlich eine Stadt, die es nicht gibt. Allerdings liegt diese etwa hundert Kilometer weiter östlich und heißt Hannover.

Als ich vor mittlerweile über 20 Jahren nach Hannover kam, weil es nicht so groß war wie Köln und dafür kleiner als Berlin und doch irgendwo dazwischen lag, sah das noch ganz anders aus: Ich war nach Hannover gezogen, weil mir Würzburg zu klein geworden war. In Würzburg gab es damals ein größeres Jugend- und Kulturzentrum, namentlich das AKW. In Hannover lernte ich in der ersten Woche drei Einrichtungen dieses Formats kennen, die Glocksee, das FAUST und das Bei Chéz Heinz. Hannover war eine richtige Stadt. Mit Kiosken, Kneipen, Häusern mit hohen Decken, Fahrradwegen und einer U-Bahn und einer Universität mit bunt bemalten Treppenhauswänden und studentischer Selbstverwaltung. Ich trieb mich in der Nordstadt herum, weniger in der Oststadt und kaum in der Südstadt, aber die meiste Zeit war ich in dem Stadtteil, dessen Himmelsrichtung es nicht zu einer Stadtteilbezeichnung geschafft hatte: In Linden. Zwischen Linden und der Nordstadt gab es die Herrenhäuser Gärten, und ab und zu schnupperte ich die frische Luft der grünen Lunge namens Eilenriede. Das war’s: Zehn Jahre lang wäre mir auf die Frage nach Hannoverschen Stadtteilen neben den vier genannten höchstens noch „Mitte“ eingefallen. War man mal in Ricklingen oder Limmer, war man sich schon nicht so sicher, ob das hier noch Hannover war oder schon ein eigenes Dorf für sich, und Begriffe wie Anderten, Lahe oder Empelde kannte man nur von den Endhaltestellen der Stadtbahnen.

Fun Fact zu Empelde: Wussten Sie, dass Empelde gar nicht zu Hannover gehört, sondern zu Ronnenberg? Ich wusste das damals nicht, ebenso wenig wie ich wusste, dass Ahlem noch zu Hannover gehört, aber Letter zu Seelze. Wenn ich von Hannover nach Ahlten mit der S-Bahn fahre, bin ich ständig versucht, schon in Anderten auszusteigen, weil vorher so viel Grün kommt, dass man einfach nicht glauben kann, immer noch in der Stadt zu sein. Dieser ganze Übergangsbereich zwischen Stadt und Land, diese Grünflächen in der Stadt und Grauflächen im Landkreis, die Stadtbahn, die auf die Dörfer fährt, und die Dörfer, die in die Stadt eingemeindet sind, haben schließlich dazu geführt, dass die Stadt Hannover aufgehört hat zu existieren, ebenso wie der Landkreis Hannover. Es gibt nur noch ein Hannover: Die Region Hannover!

Ich fahre mit der S-Bahn von Holtensen-Linderte nach Hannover, halbstündlich! Da soll noch einer über den ländlichen Raum lästern! Ich fahre von Hannover mit der S-Bahn ab. Egal in welche Richtung, der Takt ist halbstündlich! Stadt und Land ist hier eine Soße, oder vielmehr: Ein Hauptgericht mit Beilagen, die man so lange miteinander verrührt hat, bis man endlich bereit ist, die ganze Leckerei in sich hineinzustellen.

Das klingt alles ganz schlüssig, denken Sie sich, aber was will der Typ mit Holtensen-Linderte? Was soll das überhaupt sein, der Name einer Familienministerin? Oder eine Sprachübung für Bühnenliteraten? Hol-ten-sen-Lin-der-te-Hol-ten-sen-Lin-der-te … Oder vielleicht so ein Wort, das man sagt, wenn jemand ein Gruppenbild macht: Jetzt alle mal: Holtensen-Linderteeee! Ist bestimmt auch gut für den Hals! Nun, ich bin eben vor einigen Jahren mit meiner in Hannover gegründeten Familie aus dem Stadtbezirk Linden-Limmer in die Gemeinde Wennigsen gezogen. Was Holtensen mit Limmer gemein hat, ist dass da nicht viel los ist. Was natürlich auch für Bielefeld gilt. Eine weitere Gemeinsamkeit ist die Anbindung nach Hannover: Von Bielefeld fährt stündlich ein ICE hier her, von Holtensen halbstündlich eine S-Bahn und von Limmer viertelstündlich die Stadtbahnlinie 10. Manchmal sogar öfter.

Einen Unterschied gibt es aber doch, und den sehe ich, wenn ich in unseren Garten gehe. Wir waren damals auf’s Land gezogen, weil es in der Stadt kein Haus mit Garten für uns gab. Selbst die Häuser ohne Garten oder auch nur die Wohnungen ohne Haus waren für uns nicht wirklich bezahlbar. Ein Garten ohne Haus, das wäre noch gegangen, aber dafür gab’s auf dem Halt halt noch ein Haus mit dazu. Wenn wir in unserem neuen Häuschen die Tür aufgemacht haben, konnten die Kinder in den Garten und spielen, ohne sich auszusperren oder von Autos überfahren zu werden oder kontaminierten Sand zu essen. Und für Papa gab es ebenfalls Entfaltungsmöglichkeiten: Ich sag nur: Tomaten! Wenn Stadt und Land in der Region Hannover eine Soße ist, dann ist es in meinem Garten eine Tomatensoße. An jeder Ecke habe ich Pflanzen eingesetzt, die durch den natürlichen Wechsel von Sonne und Regen gedeihen sollen, ohne viel Zutun, nur mit ein bisschen Hochbinden und Ausgeizen hier und da und am Ende natürlich die Ernte. So die Theorie. In der Praxis zeigte sich, dass es ruhig ein bisschen mehr Sonne und ein bisschen weniger Regen sein könnte. Oder auch viel weniger Regen. Damit alles grün bleibt, reichen 400 Millimeter Niederschlag im Jahr aus. Dieses Jahr sind schon 1000 voll. Und während meine Tomaten in Holtensen absaufen und kaum etwas zu sehen bekommen, was sie zum Erröten bringen könnte, wachsen und gedeihen sie im urbanen Garten am Ihmezentrum auf eine Art und Weise, die man nur als Rot-Rot-Grün bezeichnen kann. Das ist Linden! Das ist Hannover! Während bei mir zu Hause die schwarz-grüne Tomatenfäule grassiert.

Apropos Schwarz-Grün: Kennen Sie Campact? Das ist eine Organisation, die mit Facebook und Email Online-Petitionen und andere Internet-Kampagnen durchführt und damit immerhin auch ein Stückweit politische Bildung für die netzaffine Jugend und Nicht-mehr-ganz-so-sehr-Jugend schafft. Im Vorfeld der Bundestagswahl habe ich an einer Campact-Umfrage teilgenommen, in der es um die Einschätzung ging, welche Erwartungen man als Gelegenheits-Netzaktivist im Emailverteiler von Campact an eine neue Bundesregierung stellen würde. Dann wurden vier wahrscheinliche Koalitionsszenarien aufgestellt, die man hinsichtlich ihrer Möglichkeiten für progressive Politik in eine bestimmte Reihenfolge bringen sollte: Schwarz-Gelb, Schwarz-Grün, Schwarz-Rot und ta-taa: Schwarz-Rot-Grün. Im Ernst jetzt! Als ob es keine Farbkombinationen ohne Schwarz mehr gäbe. Als ob die Wahl bereits gelaufen wäre und die Siegerin feststünde. Alternativlos an der Macht. Witzig, dass sie danach noch fragten, wer wohl die Regierung anführen wird: Merkel oder Schulz. Jetzt mal ehrlich, das ist doch wirklich witzig. Ich seh schon das Ergebnis der Umfrage: Die Deutschen wollen Merkel. Und die Deutschen wollen eine große Koalition. Schade, dass man bei so einer Internet-Umfrage den Wahlzettel nicht vollkritzeln kann. Mit Alternativen: Wenn schon große Koalition, dann richtig groß: Linke, Grüne, Piraten, die Partei „die Partei“ UND die Schulz-SPD als Junior-Partner. Oder richtig links: Die Linke, die MLPD, die Sozialistische Gleichheitspartei, die DKP und das ökoanarchistisch-realdadaistische Sammelbecken B*. Oder was Exotisches mit der veganen V-hoch-3-Partei, der feministischen Partei Die Frauen, der Tierschutzpartei, dem Bündnis Grundeinkommen, der Rentnerpartei „Die Grauen“ und der „Menschlichen Welt“ – für das Wohl und Glücklichsein aller! An der Bundestagswahl am 24. September 2017 nehmen 42 Parteien teil. ZWEIUNDVIERZIG! Also wählt doch mal mit ein bisschen mehr Inspiration! Wenn alle gleich viele Stimmen bekommen, scheitern sämtliche Parteien an der 5%-Hürde. Das wär doch mal wirklich witzig: Wir wählen den Bundestag, der keiner ist. Schöner Scheitern auf dem Weg zur Selbstbestimmung des Einzelnen. Es gibt immer eine Alternative zur Alternativlosigkeit: 41 davon stehen zur Wahl. Und wenn man davon die Rechten ausschließt, findet man doch mindestens zwei oder drei, von denen man eine ankreuzen kann. Eine davon heißt Magdeburger Gartenpartei. Ich gönn euch 2-3%. Wie allen anderen. Gehen wir wählen! Per Briefwahl im Garten. Zur Not mit dem Spaten. Auf 42 Arten. Und in vier Jahren – ich versprech’s – gibt’s die Partei der Tomaten!

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