City of Brechreiz

Guck dir all die Geldbörsen an
Mit Beinen dran
Und Henkeln für die Einkaufstaschen
Guck sie dir an
Sie sind so sensibel
Während sie dich aus dem Weg schubsen
Den Blick auf ihr Handy
Oder der scharfen Lady mit den getönten Gläsern
Und der Plastiktüte von Esprit
Auf den Flacharsch

Guck dir all die Geldbörsen an
Mit Beinen dran
Und Henkeln für die Einkauftaschen
Sie sind so sensibel
Darfst sie nicht stören
Mit dem Schmerz deiner Existenz
Sie brauchen Ruhe!
JA, MANN, RUHE! RUHE VOR DIR!
Beim Rempeln und Rumschicksen
In ihrer Stadt

Guck dir all die Geldbörsen an
Mit Beinen dran
Und Henkeln für die Einkaufstaschen
Der nächste Trend: Preisschilder auftätowieren
Unter dem Arschgeweih!
Im Gestade der Läden
Wird ausgesiebt, wer nichts kauft
Und in die Strömung aus Pflaster und Neon
Werfen Geschäftsleute ihre Angeln
Aus Preiskampf und Blut

Kinder nähen deine Krawatte
Und sticken Krokodile auf dein Hemd
Siehst du noch Kinder, die auf der Straße spielen?
Aus den Boxen vor den Läden ballert dir FFN
In den Anus der Würde
Aber Musik auf der Straße?
Von Straßenmusikern?
Mit langen Haaren und Gitarren und so?
Gilt als GESCHÄFTSSCHÄDIGEND
In der City of Brechreiz

Ich will nicht mehr wissen
Warum die Reichen immer reicher werden
Und die Armen immer mehr
Warum, was Spaß macht, verboten wird
Wenn es nichts kostet
Warum die Gerechtigkeitsdebatte heute Neiddebatte heißt
Und warum euch das alles so egal ist
Aber eins wüsste ich schon gern:
Warum verachtet ihr uns eigentlich so?
Und nicht anders

Ihr Arschgeigen vom Eventmanagement der Landeshauptstadt Hannover

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Es gibt wieder Wölfe

Es gibt wieder Wölfe

Alles, was Volkbernd Spaß machte – und das war immerhin etwas, manche Menschen haben ja an gar nichts Spaß – das war Töten. Nicht virtuell mit einer Spielkonsole oder einem Gaming-PC, nicht in der Rolle eines Attentäters oder Elitesoldaten oder Special Agents, bei der man sich am Ende noch selbst gefährdete, das war nichts für ihn. Er tötete einfach nur gern, so wie andere Menschen gern Fußball spielen oder Einkaufen oder ins Kino gehen, die lassen sich deswegen ja auch nicht gleich treten oder ins Regal stellen oder auf die Leinwand beamen. Volkbernd hatte einen Jagdschein für die meisten Länder, in denen man so etwas brauchte und einen Waffenschein für die meisten Waffen, die man legal benutzen durfte, was nicht hieß, dass er nicht auch noch andere Spielzeuge besaß als die, die er in seinem vorschriftsmäßig abgeschlossenen Waffenschrank vorhielt, aber dazu später.

Volkbernd war nicht der Typ, der unerwartet Amok läuft, und danach sagen alle, dass er der letzte wäre, von dem sie das erwartet hätten. Jeder, der mit Volkbernd zu tun hatte, traute ihm alles zu! Töten war sein einziges Thema, seine einzige Beschäftigung, das einzige, was ihn interessierte. Alle psychologischen Erkenntnisse, wonach Menschen vielschichtig seien, mithin wenigstens zwei Seiten hätten, also nicht nur schlecht sein könnten, all die positive Grundeinstellung, mit der Menschen an andere Menschen herangingen, weil sie erwarteten, dass diese im Kern nicht ganz schlecht sein konnten, immerhin käme man ja aus der gleichen Spezies und so weiter, strafte er Lügen: Das Leben bestand aus Töten, alles andere war Weiberkram oder, wenn es von Männern kam, Gutmenschengewäsch.

Er hatte in Schweden Elche geschossen, in Australien Kängurus, in Kanada Bären, in Äthiopien Löwen und in Brasilien Faultiere. Es war egal, ob letztere einfach nur träge am Baum hingen und hinunterplumpsten wie Fallobst, die Hauptsache war, dass er sie vom Leben in den Tod beförderte. Das war alles, was er wollte, das war alles, was er konnte, und das war alles, worauf es im Leben hinauslief: Töten! Er hatte Tauchen gelernt, um Fische abzuschießen, war zur See gefahren, um Wale zu harpunieren und hatte sich eine Jagdpacht besorgt, um jederzeit in sein Auto steigen und zum Schießen fahren zu können, wenn er nichts zu tun hatte oder schlechte Laune oder seine Frau gerade nervte oder Wochenende war. Seit Jahren war keine Woche vergangen, in der er nicht töten war, oder jagen, wie er es nannte, obwohl ihn die Verwertung der Tierleichen nicht interessierte. Schottland letzten Herbst war zum Beispiel nicht schlecht gewesen, da war alles organisiert gewesen: Er musste die Hirsche nur umpusten, hinterher kamen die Ranger und räumten auf. Alles ganz legal, durchorganisiert und mit sauberen Papieren. Das war das Wichtigste, denn der Waffenschein war sein ein und alles, sein Lebenszweck. Wenn sie ihm den Waffenschein wegnähmen, könnten sie ihn auch gleich erschießen, das war seine Einstellung und niemand stellte es infrage.

Des Öfteren kam es vor, dass jemand im Ort eine Katze oder auch mal einen Hund vermisste. Er kannte sie alle. Meist vom ersten und letzten Mal, dass er sie gesehen hatte, wenn sie die Grenzen des Dorfes verließen. In der Regel ging er keine weiten Wege, um ihre Überreste zu verscharren, aber bis zum Rand des Waldes musste schon sein, so dass er im Zweifelsfall immer argumentieren konnte, es hätte sich um ein verwildertes Tier gehandelt. Einmal war eine Familie so penetrant gewesen, hatte die Straßen rauf und runter plakatiert wegen ihrer Pinki oder wie das Vieh hieß, dass er sie eines Nachts wieder ausgegraben, ihr das Fell abgezogen und neben das Vermisstenplakat gehängt hatte, mit der Nachricht: Bin kurz schwimmen gegangen! Das war Volkbernd. Jeder, der ihn näher kannte, wusste, es war nur eine Frage der Zeit, bis er einmal ein Blutbad anrichtete. Aber etwas dagegen unternehmen, das tat keiner: Was denn auch, alles was er tat war so derartig legal, dass man nur scheitern konnte, wenn man dagegen vorging. Schlimmstenfalls bekam man von ihm eine Kugel zwischen die Augen und leistete hernach irgendwelchen entlaufenen Haustieren in einer versteckten Grabstätte zwischen Brombeeren und Hainbuchen Gesellschaft.

Es gibt wieder Wölfe! Das sagte seine Frau eines Sonntagmorgens und hielt ihm einen Artikel aus der Lokalzeitung vor die Nase. Ganz in der Nähe war ein toter Wolf in einem Graben gefunden worden, und gleich zwei hatten binnen einer Woche im Straßenverkehr ihr Leben gelassen. Wenn der Wolf wieder heimisch wird, reguliert sich der Wildbestand wieder natürlich und die Jäger müssen nicht mehr so viel eingreifen. Dann müsstest du nicht mehr so viel jagen gehen, meinte sie. Er rümpfte nur die Nase. Wenn in seinem Revier ein Wolf auftauchte, würde er ihn schießen, soviel war klar. Er aß sein Wurstbrot, schnappte er sich seine Flinte und ging nach draußen. Auf diesen unqualifizierten Kommentar müsste er erst einmal ein paar Krähen schießen. Mit Krähen vertrieb er sich den größten Teil der Schonzeit, wobei auch Kaninchen, Füchse und Frischlinge das ganze Jahr gejagt werden durften, man nahm in der Gesetzgebung schon Rücksicht auf den Blutdurst der Jäger. Wo käme man denn auch hin, wenn man von März bis Mai seinem Hobby nicht nachgehen durfte. Die Fußballplätze oder Einkaufszentren oder Kinos schloss man ja auch nicht jedes Jahr für drei Monate zu!

Wenn das Leben ein Disneyfilm wäre, hätte er dieses eine Mal vergessen, den Waffenschrank zu schließen. Seine Frau hätte sich eine kurzläufige Büchse genommen, hätte sie geladen und entsichert, wie sie das von ihm oft genug gesehen hat, wäre nach draußen gegangen und hätte ihn mit einem gezielten Blattschuss erledigt und die Dorfbewohner und vor allem die Tierwelt der Region von ihrer Geißel befreit. Aber das Leben ist kein Disneyfilm, und so nahm sie sich nicht die kurzläufige Büchse, sondern die kleine Uzi-Pistole, die einzige Waffe, die er nicht in seinem Waffenschrank aufbewahrte, weil er im Falle einer verdachtsunabhängigen Kontrolle durch die Waffenbehörde nicht in Erklärungsnöte kommen wollte. Was er nicht wusste war, dass sie die geladene Waffe selbst gern aus seinem Nachtschrank nahm, wenn er nicht zuhause war. Dass sie sie entsicherte und wieder sicherte, entlud und wieder lud, dass sie damit auf ihre Hochzeitsfotos zielte und auf alle Bilder ihres Mannes, die im Haus so verteilt waren. Nur normalerweise machte sie das nicht, wenn er noch im Garten mit dem Kleinkaliber auf Krähen schoss.

Heute war alles anders als sonst. Sie nahm die Uzi aus dem Nachtschrank, öffnete das Dachfenster und zielte. Draußen stand ihr Mann und schoss Krähen vom Himmel. Schon komisch, dass die immer wieder zurückflatterten und sich wieder auf die Bäume setzten. Sie zielte auf den Kopf ihres Mannes, entsicherte, sagte „Klick“ und sicherte die Waffe wieder. Töten war nicht ihr Ding. War es nie gewesen. Aber allein, dass sie es konnte, verlieh ihr ein Gefühl der Lebendigkeit.

Sie bemerkte das Eichhörnchen, das neben dem Nachfenster saß und sie anstarrte. Es war ungewöhnlich groß für ein Eichhörnchen, aber auch die Tatsache, dass es ihr so derartig nah kam, war schon seltsam. In der Regel kam sie kaum in die Nähe wildlebender Tiere, was man an dieser Stelle kaum noch zu erklären braucht.

Ihre Erklärung gegenüber der Polizei, ein Eichhörnchen habe ihr die Uzi abgenommen und sie einem Wolf übergeben, der anschließend ihrem Mann Volkbernd aus nächster Nähe eine gezielte Salve in den Rücken gejagt hatte, wurde allgemein als nicht plausibel erachtet. Komisch war trotzdem, dass die Tatwaffe nirgends gefunden wurde. Als schließlich in den nächsten Tagen noch ein halbes Dutzend weiterer Jäger in der Gegend mit der gleichen Waffe erlegt wurden, während sie noch in Gewahrsam war, immer umgeben von Wolfsfährten und Eichhörnchenspuren, ließ man sie wieder frei. Zufrieden und erleichtert fuhr sie nach Hause: Es gab wieder Wölfe! Und sie hatten endlich begonnen, zurückzuschießen!

Lieber Recep Erdogan

Lieber Recep Erdogan
Moment, ich fang mal anders an
Lieb bist du ja grade nicht
Nein, du bist ein Bösewicht:

Wahlergebnisse verzerren
Journalisten wegzusperren
Bergbauopfer zu verbrämen
Da kann man sich nur noch schämen!

Genozide dementieren
Frauenrechte zu negieren
Dein Palast hat tausend Zimmer
Das ist schlimm, doch du bist schlimmer!

Stellst dich hin mit Führerposen
Scheißt dir aber in die Hosen
Bei satirischen Poemen
Hör auf, dich so ernst zu nehmen!

Ach, was wärt ihr Diktatoren
Ohne eure Hilfszensoren
Denn auf lyrisches Gewerkel
Folgt beleidigtes Ge-Merkel!

Und man kennt‘s von euch Despoten
Ja nicht anders: Eure Pfoten
Kleben immer und auf Dauer
An der Macht wie kalter Bauer

Ihr erfindet Paragrafen
Mit drakonisch harten Strafen
Die euch vor dem Spott beschützen
Sollen, doch es wird nichts nützen

Denn für Kunst und für Satire
Ja, Satire, Mann, Sa-Tiere
Wurden viele schon bedrängt
Eingeschüchtert und gehängt

Doch die Lyrik überdauert
Den Tyrannen, der da lauert
Auf den Spott und auf die Zoten
Nichts vervielfacht mehr die Quoten

Als wenn die Zensurvertreter
Mordio! skandier‘n und Zeter!
Doch seid ihr auch noch so tüchtig:
Kunst ist lang. Und Leben flüchtig!

Unterdrücker werden gehen
Und ich werde nie verstehen
Warum immer neue wachsen
Schau dich um, ich sag nur: Sachsen!

Und ich sag es an dem Tage
An dem du als zähe Plage
Unsrer Zeit die abschiedslose
Abfahrt machst: Adieu, Mimose!

Mit Speck fängt man Mäuse

Müllkatzen

Mit Speck fängt man Mäuse. Mit Tofu klappt das nicht. Dieser Spruch hing eingerahmt auf einer Scheibe vulkanisierten Räucherschinkens in der Küche meines Elternhauses. Mein Vater hatte den Schinken damals mit einer Mixtur aus Kolophonium und Rindertalg behandelt, nachdem er die Lettern, die mein verstorbener Großvater mit einem Brandeisen in die luftgetrocknete Schinkenscheibe hineingebrannt hatte, liebevoll mit Pottasche nachgemalt hatte. Ein Silberstreif der Erinnerung an meine Vorfahren und ihre vielseitige Ernährung touchierte meinen Bregen, eine Ernährung, die von fetten Brotzeittellern mit Obstler über saure Zipfel mit Kräuterschnaps und Wurstsalat mit fränkischem Hochmoorgeist zur bunten Schlachteplatte mit Presssack, Blutwurst, Bratwurstgehäck und Eierlikör reichte. Dazu haben sie dann Zigarren geraucht und Exportbier getrunken, waren schlank, gutaussehend, humorvoll und selbstzufrieden und sind hundert Jahre alt geworden … zumindest zusammen … aber immerhin hatten sie eins, nämlich das Haus von Mäusen befreit! Das war die Aufgabe der Männer damals, und so ist es noch heute.

Ich will die Vergangenheit nicht verklären, es war nicht alles nur rosig. Der Speck allerdings schon, wie er so auf der Falle glänzte und die Mäuse anzog, als würde der Hamelner Flötist höchstselbst mit beschwörerischen Tönen dafür sorgen, dass die kleinen Nager ihr Hirn abschalteten, um sich von einem aufgespannten Metallbügel den finalen Nackenschlag verpassen zu lassen. Nee, das gefiel uns gar nicht, damals, und so entsicherten wir gerne mal die Fallen, um den Mäusen eine Chance zu lassen. Die werden immer schlauer, sagte mein Vater damals öfter, zwinkerte mir zu und übersah demonstrativ die mausefallenbügelförmigen Striemen an meinen Händen. So war das früher! Heute wollte ich das alles anders machen. Meine Kinder sollten sich nicht die Finger in der Falle einklemmen! Sie sollten eine fallenfreie Kindheit verbringen können! Ein Leben ohne die aufgezogenen Schnapp-Feder-Mechanismen innewohnende Unbehagensatmosphäre! Ein vom arbiträren Klacken des Todes ungetrübtes Zuhause-Dasein!

Eigentlich hätte das alles auch ganz einfach sein können: Meine Beziehung zu Mäusen hatte sich seit meiner Kindheit auch nicht geändert. Erstens hatte ich meist keine in der Tasche, und zweitens hatte ich auch kein Problem damit, wenn welche im Haus waren. Einmal hatte ich für meine Tochter einen kleinen Herd aus Holz zum Spielen gebaut. Unten hatte ich ein kleines Mauseloch hineingesägt, ich fand einfach, das sah stylisch aus. Eines Tages schaute tatsächlich eine kleine Maus aus dem Loch. Das war soo süüüß, dass Mäuse ab dem Zeitpunkt die erklärten Lieblingstiere meiner Tochter waren. Ich sehe sie jetzt noch ca. einmal im Monat, irgendwie war dem Zusammenleben mit Mann und Maus damals keine Zukunft beschert. Dann gehen wir oft in den Streichelzoo, weil das so lustig ist, wie die Mäuse den Bauernhoftieren das Futter klauen, diese püscheligen, sich selbst versorgenden, anarchistischen Kleinsäuger, diese Fellspatzen, diese dunkeläugigen, duckmäuserischen Kuschel-Piepmätze, diese alles zernagenden Vorratspiraten!

Das nächtliche Krunschen und Knurpsen nahm vor nicht allzu langer Zeit bei uns zuhause derart zu, dass wir Telefon und Fernseher lauter stellen mussten. Verpasste Anrufe und ein Fernsehprogramm, bei dem man nicht jedes Wort mitbekommt, was Showköche, Weichspülintellektuelle und andere bekokste Selbstdarsteller absondern, hatten mich nicht weiter gestört. Dass wir aber Pakete grundsätzlich nur noch bei den Nachbarn abholen mussten, weil man vor lauter Knurpsen auch die Klingel nicht mehr hörte, das war schon blöd. Denen musste man dann immer alles erklären: „Was ist das? Ne Kiste Wein? – Ja!“ … „Schon wieder ne Kiste Wein? – Ja!“ … „Wir haben wieder Wein für euch! – Ja!“ … „Wir haben euren Wein schon mal aufgemacht! – Ah, ja!“ Ab da war klar: Das konnte so nicht weitergehen!

Speck zu kaufen kam nicht infrage. Meine Töchter hatten so eine Mode auf dem Schulhof aufgeschnappt und waren zum Islam übergetreten. Oder zum Judentum? Wenn ich’s recht bedenke, essen sie nicht nur kein Schwein mehr, sondern auch kein Rindfleisch. Hinduismus vielleicht? Oder alles zusammen? Meine Frau war bereits ins Gästezimmer ausgewichen, da auch das Schlafzimmer durch eine kleine Mäusefamilie belebt wurde. Ich vereinsamte zusehends, meine Nächte waren kurz und meine Ausgaben für Vorräte beschränkte ich auf das, was man unmittelbar aus der Einkaufstasche zubereiten und verzehren konnte. Als mich eines Tages eine Maus aus dem Kühlschrank traurig ansah, in den sie von hinten ein Loch hineingenagt hatte – einem Kühlschrank voller Tofu – da wusste ich, dass nur noch eines Rettung bringen konnte: „Wir holen uns eine Katze aus dem Tierheim“, eröffnete ich meinen Kindern. Sie waren sofort hellauf begeistert, und angesichts des aktuellen Krunschpegels gab auch meine Frau ihren Widerstand gegenüber zusätzlichen Mitessern auf.

„Die Katze braucht einen Namen“, sagte meine kleinere Tochter: „Wie wär’s mit Chanel. Oder Pumpkin. Oder Shiva. Oder Pinki. Oder Luna. Oder Nelly. Oder Paulchen. Oder Filou. Oder Marvin! Oder Sunny! Sunny wär doch toll!“

„Wir nennen sie Fritz. Ich will hier nicht tagelang über Namen debattieren“, versuchte ich das drohende Übel abzuwenden, aber ohne Erfolg. Ich dachte an Fritz the Cat, diesen durchgeknallten Siebzigerjahre-Drogen-Zeichentrickfilm, den ersten Trickfilm ohne Jugendfreigabe. Kennen Sie nicht? Dann denken Sie an Fritz Walter. Oder an Fritz Lang. Fritz ist jedenfalls prima, dachte ich mir.

„Fritz gefällt mir“, sagte auch meine größere Tochter. Um ihrer Schwester zu widersprechen schreckte sie nicht einmal davor zurück, mir Recht zu geben! Sie musste auf dem Zenit der Pubertät sein. Voll krass, dieses Alter! Egal, es war mir Recht, und so legte ich gleich noch einen drauf: „Oder vielleicht was Bedeutungsvolleres, so wie Fidel. Oder Che! Genau, wie wär’s mit Che?“

„Che Fritz fänd ich gut“, sagte die Große. Ich freute mich. Das war ein bisschen wie Chez Heinz, aber auch Fritz the Cat und Che Guevara. So viel Bedeutung in so einem kleinen Katzennamen, und dann war er auch noch so klangvoll!

Erwartungsgemäß debattierten wir noch den Rest des Tages und den Rest des darauffolgenden Tages und überhaupt alle Tage seither nur noch über Katzennamen, solange bis wir im Tierheim Barsinghausen vorbeikamen um festzustellen, dass die Katzen dort alle schon Namen hatten. Eine kleine Pleite für meine kleine Tochter, aber eine große Pleite für die Welt der Katzennamensgebung. Unserer Familie blieb damit der Zuwachs um einen Sokrates, ein Zwiebelchen, einen Wischnewski, einen Spot, einen Spock oder einen Spongebob, einen Jules, Hercule oder Vinyl, eine Sushi oder Muschi oder Belushi oder gar eine Cat Balou erspart – es ist ein Ritchie geworden!

Ritchie konnte mit Mäusen nichts anfangen, außer mit denen, die man in Katzenfutter investierte. Das Schinkenschild mit dem Mäusespeckspruch von meinem Großvater hatte ihm jedoch gut geschmeckt. Außer mir war da niemand traurig drüber. Hauptsache, er würde sich irgendwann um die Mäuse kümmern.

Was soll ich sagen: Die Mäuse haben Respekt vor ihm. Ist er im Raum, verstummen sie. Klar, dass Ritchie nachts nicht mehr aus dem Schlafzimmer gelassen wird, zumal man sich an ihm auch die Füße wärmen kann. Es ist eine Win-win-Situation. Auch für die Mäuse, die keine Angst mehr vor Fallen haben müssen. Und eines Tages wird auch er auf den Geschmack kommen: Dann wird Ritchie zum Killer. Er wird nur noch Ritchie Nixon gerufen werden und unser Haus in ein Mäuse-Mỹ Lai verwandeln. Aber bis dahin heißt es: Tofu kaufen! Auch für den Kater! Irgendwie muss er ja auf den Geschmack kommen. Tofu oder Mäuse! Bisher isst er Tofu. Und wenn er nicht bald das Mausen anfängt, werde ich mich selber auf die Lauer legen – mal sehen, wem von uns beiden das Zeug zuerst zum Hals raushängt!

Für Evelyn. Möge es endlich mit dir und den Mäusen klappen

Liebe in Zeiten der Katharsis

20131110_San_Sebastian_18

Einst hatten wir eine Flaute
Im Atlantik nach heftigem Sturm
Die Fregatte war eine geklaute
Und im Achterdeck wühlte der Wurm
Ja, im Achterdeck wühlte der Wurm

Die Leichen von uns’ren Gefechten
Die trieben und trieben nicht ab
Die Männer im Schiffsbauch, sie zechten
Und im Unterleib drückte der Knab
Ja, im Unterleib drückte der Knab

Es kamen die englischen Horden
Und schlugen über die Schnur
Ja, Mary und Anne mussten morden
Und der Käpt’n versteckte sich nur
Ja, der Käpt’n versteckte sich nur

Es baumelt‘ am englischen Haken
Der Feigling Calico Jack
Sein Nachwuchs fiel auf das Laken
Und Mary und Anne waren weg
Ja, die Mary und Anne waren weg

Ich weine nicht eine Träne
Um Jack und die Piraterie
Auf dem Wasser da kapern sie Kähne
Doch die Frauen, die kapern sie nie
Nein, die Frauen kapieren sie nie!

(für 22AnneBonny11)

Hey Joe

Roundtown

Hey Joe,
Where you going with that rose in your hand?
I said Hey Joe
Where you going with that rose in your hand?

I’m going down to meet my lady
I found her last night when I was messing round town
I’m going down to meet my lady
That lady I found last night when I was messing round town.

Hey Joe,
I heard you met your lady downtown
I said Hey Joe,
I heard you met your lady down in the town

Yes I did, I met her
I met that woman I found when I was messing round town
Yes I did, I met her
I met my woman, but I acted like clown, like a clown babe

I gave her the rose, yeah
And she started to laugh at me, brother
She said: Hahaha, yeah

Hey Joe,
What are you going to do now?
I said Hey Joe
Poor guy, what are you going to do right now?

I’m not quite sure
I don’t really know how to act in situations like that
I’m not quite sure, brother
I guess, I’m going to buy her another rose

I’ll buy her a rose, yeah!

Forgotten words

Footprint

The compass has forgotten the North
The key has forgotten the hole
The blog has forgotten its content
The poet has forgotten the words

The cellphone has forgotten its ringtone
The smell has forgotten the nose
The body has forgotten the beauty
The poet has forgotten the

The elephant has forgotten its strength
The people have forgotten their power
The clock has forgotten the time
The poet has forgotten

The poet has forgotten the words
The poet has forgotten
Forgotten

Please, donate some words
To the poet

The poet has forgotten the words
The poet has forgotten
Forgotten

The poet has forgotten the words
Because reality got ahead of him
And switched them off!

(thanks to Harri Hertell for inspiration)